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HILDESHEIM

Hildesheim

Ganz früh morgens, lange noch bevor der Herbstblätterwegpustemann mit seinem am Minitraktor befestigten Landesbanner die zentrale Osterstraße entlangtrötet und mit auf- und abheulendem Kettensägensymphonien arglose Menschen aus dem sanften Schlaf peitscht – da ist es in Hildesheim am allerallerschönsten. Wenn man sich zu dieser Zeit auf die noch seelenruhigen Straßen dieser Stadt hinausschleicht, zerbrochenen Bierflaschen und Erbrochenem vom Vorabend geschickt ausweicht und mit noch etwas schläfrigen Äugelein große Bauklötze wie Kaufhof in der Fußgängerzone oder dem Multistore am Bahnhof übersieht, dann begegnen einem gerade die feinen Charaktereigenschaften dieser gerademalso Groß- aber durchaus renommierten Studentenstadt im niedersächsischem Hannovervorland, die manchmal kaum jemand wahr haben möchte.

Doch diesen Umstand übel nehmen, das sollte man tunlichst vermeiden, denn merke: Hildesheim spielt vielleicht nicht gerade in derselben kosmopolitischen Liga wie Hamburg, Berlin oder Los Angeles, und höchstwahrscheinlich wird bei den meisten jungen Menschen irgendwann ohnehin der Moment eintreten, diese Stadt möglichst schnell verlassen zu wollen – aber bis zu diesem unvermeidlichen Zeitpunkt sollte man verdammt noch mal mindestens einen Sommer lang seinen Hintern am Hohnsensee in die Sonne gehalten, seine Mähne auf dem Tanzparkett der KulturFabrik Löseke geschwungen und bitteschön wenigstens einmal auf der Domäne Marienburg von Helges wunderbarer Himbeertorte genascht haben! Denn die werte Dame Hildesheim wäre ja auch schön blöd, wenn sie sich für die Heerscharen von Studenten, die nicht nur wegen der „exklusiven“ Studiengänge Lighting-Design und Kulturwissenschaften aus ganz Deutschland zu ihr pilgern, nicht in Schale werfen würde. Und jene Akademiker in spe tragen im Gegenzug auch ihr möglichstes bei, um Madame in bunteste Tücher zu wickeln: sei es nun Prosanova, das alljährliche größte Festival für junge deutschsprachige Gegenwartsliteratur, das bundesweit bekannte Akkuschrauberrennen oder das legendäre Folk’n’Fusion-Festival im Trillke-Gut – Hildesheim rockt das Studentendasein, so viel ist klar.

Darüber hinaus reckt die Rosenstadt ihren bumsfidelen Fruchtstängel immer wieder in die Richtung, aus der die beste Musik ertönt: Neben Europas größtem Gothic-Festival M’era Luna am Flughafen und dem bundesweit-angesagten Weedbeat Reggae-Festival am Rössinger Speicher pfeffern sich seit 30 Jahren internationale Musiker auf dem Jazz-Festival Jazztime die Blue Notes um die zwölftongegerbten Ohren.

Jedoch sollte man sich trotz dieser Unterhaltungsschmandkleckse vor allzu großer Euphorie fernhalten und stets auf der Hut sein vor Hildesheims dreistester Lüge – nämlich dem Anspruch auf die größte Kneipendichte Deutschlands, der Welt, ach was: des gesamten Universums! Obgleich dieses Gerücht gar nicht genug enttarnt werden kann, gibt es doch auch hier die eine oder andere feine Lokalität, in der man entweder via happy-hour mit dem maximalen Fassungsvermögen an Flüssigkeiten herumexperimentieren oder aber gepflegt das Tanzbein in waghalsigen Winkeln rotieren lassen darf. So treffen sich Freunde alternativer Lebensweise gewöhnlich in Nähe der KulturFabrik, tanzen Püppies und Bad Boys meist im Pasha, Mynt oder dem 360° und moshen sich Schwermetaller gerne im Rockklub elegant die Grütze aus dem Hirne.

Und wenn man letztendlich die Nase voll hat von verschwitzten Tanzflächen, verklebten Kneipenklos und einem permanentem Fiepen im Gehörgang – dann locken pittoreske Plätzchen wie der Liebesgrund, der Magdalenengarten, der Ehrlicher-Park oder das Innerste-Ufer zu einem beschaulichen Spaziergang ein, idealerweise zu zweit, mit Decke und einer Flasche Wein ausgerüstet.
Wer sich also aufmacht dieser Stadt am Stichkanal Gelegenheit zum téte á téte zu geben, der erwarte vielleicht nicht gerade die größten Brötchen in der Schnellbäckerei des urbanen Partyspaßes – bestimmt aber mindestens tausend Momente mehr, als es der erste Blick
möglicherweise befürchten lässt.

DER AUTOR

Kilian Schwartz:
Geboren 1981, studiert zurzeit Kulturwissenschaften und Ästhetische Praxis und arbeit nebenbei als Redakteur bei einem Magazin. Spielt Gitarre, trinkt gerne eiskalten Pastis am Mittelmeer, stand schon mal fast nackig vor dem größten Dom Skandinaviens - und ganz nackt auf der Abbey Road. Hat mittlerweile in der heimischen Videothek sein 200.Video ausgeliehen und wurde dabei mit Handschlag des Geschäftsführers begrüßt, fährt mehrmals im Jahr mit gefühlten 200 Kindern auf Freizeiten und fischt im Sommer auf einem Campingplatz auf Korsika kuriose Gegenstände aus Duschabflüssen. Obendrein in vielerlei Hinsicht (und mehrmals bestätigt) monstermäßig prätentiös, in guten wie in schlechten Angelegenheiten. Punktpunktkommastrichfertigistderstandbericht.

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